Vom Pflegefall zurück ins Leben

Vom Pflegefall zurück ins Leben

Hagen

Lars Wygoda (53 Jahre) sieht man nicht an, was er in den letzten zwei Jahren erlebt hat. Aufrechter Gang, ein warmes Lächeln und fester Händedruck - bis vor eineinhalb Jahren wäre dies nicht möglich gewesen. Er ist Ehemann, Vater von drei erwachsenen Kindern, leidenschaftlicher Kunstliebhaber und Reisender. Doch Anfang 2024 stand sein Leben auf der Kippe.

Der Beginn einer lebensbedrohlichen Reise

Schon seit einigen Jahren hatte er immer wieder mit Divertikulitis zu kämpfen. Divertikulitis ist eine schmerzhafte Entzündung des Dickdarms. Anfang 2024 verschlechterte sich dann sein Zustand dramatisch und das bis dahin verabreichte Antibiotikum wirkte nicht mehr. Dadurch wurde der erste Krankenhausaufenthalt, der den Beginn einer langen, müßigen Reise darstellte, notwendig. „Heute weiß ich, dass meine Darmwand geplatzt war und sich von selbst wieder verschlossen hatte. Ich hatte unglaubliches Glück“, erzählt er. Aufgrund des schlechten Zustands, entschloss sich Lars Wygoda den Teil des Dickdarms entfernen zu lassen. Die geplante OP verlief allerdings komplizierter als gedacht und es kam zu einer Notoperation. Doch auch diese brachte keine Besserung. 

Durch das Ziehen des Tubus fiel die Lunge aus und er sollte in eine andere Stadt an die Lungenbeatmungsmaschine (ECMO) verlegt werden, dazu sollte es nicht mehr kommen. Zu dem Lungenausfall kam eine Sepsis und der Ausfall lebenswichtiger Organe, ein entzündeter Bauchraum und keine Leukozyten. Die Folge: die Versetzung ins künstliche Koma. Doch die Ärzte sahen kaum eine Chance und informierten seine Frau darüber, sie verließ keinen Tag seine Seite. 

„Wie durch ein Wunder begannen nach einigen Tagen meine Leber und Bauchspeicheldrüse wieder zu arbeiten“, erinnert er sich. Doch die Lunge blieb trotz mehrfacher Versuche stumm, bis sie nach 14 Tagen, kurz vor einem geplanten Luftröhrenschnitt, plötzlich wieder ansprang.

Zwischen Traum und Wirklichkeit

Die Tage nach dem Erwachen waren geprägt von Verwirrung und Albträumen. Die Medikamente ließen Realität und Fantasie verschwimmen. „Ich war in einer Welt voller Zwerge, meine Frau war eine Prinzessin, und sie musste mich immer wieder retten.“ Erst allmählich kehrte die Klarheit zurück. Doch körperlich war er völlig entkräftet, konnte kaum die Finger bewegen und musste langsam wieder lernen, selbständig zu atmen und zu schlucken.

Ein Arzt sagte ihm in dieser Zeit, dass seine Nieren wohl nie wieder funktionieren würden. Doch seine Frau gab nicht auf und ein hinzugezogener Nephrologe gab Hoffnung. Eine Verlegung in eine andere Klinik brachte schließlich die Wende.

Der lange Weg der Genesung

Dort begann der Weg zurück ins Leben und er kämpfte sich trotz Rückschläge Schritt für Schritt zurück. Die Physiotherapie half, wieder auf die Beine zu kommen. „Ich werde nie den Moment vergessen, als ich das erste Mal Radio hörte. Da lief ein Interview mit einem Eisdielenbesitzer aus Iserlohn, einem meiner Kunden. Ich wusste: Ich will wieder zurück in mein Leben, zurück in meine Arbeit.“

Von der Kurzzeitpflege zur Reha

Nach Wochen auf Intensiv- und Normalstation, zahlreichen Rückschlägen und kleinen Wundern begann ein neues Kapitel: die Suche nach einem geeigneten Rehaplatz. Doch dieser Schritt, der für viele den Beginn des Weges zurück ins Leben bedeutet, wurde zu einer weiteren Prüfung.

Trotz klarer medizinischer Indikation erhielt er zunächst nur Absagen. Kein Platz, kein Konzept, kein passendes Angebot. Der sogenannte Barthel-Index – ein standardisiertes Bewertungssystem zur Einschätzung von Selbstständigkeit – ließ keinen Raum für Hoffnung. Die beeindruckenden Fortschritte, die er trotz schwerster Erkrankung bereits gemacht hatte, zählten dabei kaum. „Ich war überzeugt, dass ich mit Training und Wille wieder laufen und arbeiten könnte, aber das System hat das nicht vorgesehen“, sagt er rückblickend.

In Nordrhein-Westfalen, einem der bevölkerungsreichsten Bundesländer Deutschlands, sind die Kapazitäten für Frührehabilitation und komplexe Rehaverläufe stark begrenzt. Gerade Patienten, die nach langen Intensivaufenthalten noch nicht als vollständig „rehafähig“ gelten, fallen oft durchs Raster. Häufig bleibt nur die Verlegung in die Kurzzeit- oder gar Langzeitpflege. Ein Weg, der für viele das Ende aktiver Genesung bedeutet. Auch für Lars Wygoda ging es nach dem Krankenhaus erstmal in die Langzeitpflege. 

Ein glücklicher Zufall 

Dann kam die Wendung: Durch einen glücklichen Zufall und die Hilfe eines Freundes erhielt er innerhalb weniger Stunden eine Zusage für einen Platz in der VITREA Rehaklinik Hagen-Ambrock. Ein Moment, den er nie vergessen wird. „Ich war überglücklich. Endlich konnte ich wieder richtig trainieren, endlich ging es weiter!“

Schon am ersten Tag spürte er die Herzlichkeit und Kompetenz des Teams. Ärztinnen, Therapeuten, Pflegekräfte – alle arbeiteten Hand in Hand, um seine Kraft, Koordination und sein Selbstvertrauen zurückzubringen. „Das Besondere war, dass man mich als Menschen gesehen hat, nicht nur als Patienten mit Akte. Ich hatte das Gefühl, dass alle daran glauben, dass ich es schaffen kann.“

Mit einem individuell abgestimmten Therapieplan, intensiver Physiotherapie und gezieltem Muskelaufbau machte er enorme Fortschritte. Bereits nach zwei Wochen konnte er die ersten Schritte wieder allein gehen. Nach vier Wochen bewältigte er ganze Trainingsprogramme. Die Frührehabilitation zeigte: Mit dem richtigen Umfeld und einer konsequenten Förderung kann selbst nach schwerster Erkrankung erstaunlich viel erreicht werden.

Ein Blick auf das System und ein Appell

Doch diese Erfahrung war auch ein Weckruf. „Ich frage mich oft, wie viele Menschen in Pflegeheimen leben, die man mit einer intensiven Frühreha wieder fit bekommen könnte“, sagt er. „Es fehlen einfach die Plätze, die Strukturen und der Wille, solche Übergänge flexibel zu gestalten.“

Tatsächlich zeigen aktuelle Zahlen, dass in NRW das Angebot an stationären Frühreha-Plätzen im Verhältnis zur Bevölkerungszahl deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Viele Kliniken sind überbelegt, Genehmigungen dauern Wochen, und bürokratische Zuständigkeiten zwischen Kranken- und Rentenversicherung verzögern dringend notwendige Behandlungen. Für Patienten, deren körperliche Verfassung sich täglich verändern kann, ist das oft entscheidend, im schlimmsten Fall über Leben und dauerhafte Pflegebedürftigkeit.

„Es war ein schmaler Grat zwischen Genesung und Aufgabe. Ich hatte Glück, dass es Menschen gab, die an mich geglaubt und mir geholfen haben, diesen Weg zu gehen. Aber so sehr darf Glück in einem Gesundheitssystem keine Rolle spielen.“